Achtsamkeit als Weg

Ich verstehe Achtsamkeit als Weg, der dazu hilft einfach nur und ganz Mensch zu sein. Überspitzt könnte man Achtsamkeit als eine Art „Betriebsanleitung“ zum Menschsein betrachten.

Was kennzeichnet den Weg der Achtsamkeit?

Achtsamkeit ist ein Weg. Ein Weg der Entscheidungen. Ein Übungsweg. Ein Weisheitsweg. Achtsamkeit ist ein Weg des Mitgefühls, mit mir selbst und anderen. Das Ziel des Wegs der Achtsamkeit ist es ganz Mensch zu sein.

Wegkreuzungen – Ein Weg der Entscheidungen

Auf jedem Weg, den wir gehen, treffen wir Entscheidungen, wenn wir an Wegkreuzungen kommen. Gehe ich links oder rechts, gerade aus oder vielleicht zurück? Eine Weggabelung ermöglicht und erfordert eine Entscheidung. Wenn wir achtsam sind oder üben achtsam zu sein, nehmen wir wahr, was in uns auftaucht. Diese Beobachten, Wahrnehmen und Spüren ermöglicht eine Entscheidung – eine Wegkreuzung ist erreicht.

Ein Weg der weisen Entscheidungen

Ein Reisender ist darauf angewiesen weise Entscheidungen zu treffen, wenn ich beispielsweise beim Wandern eine Wegkreuzung erreiche. Ich kann einen guten Weg einschlagen, um meinem Ziel näher zu kommen, oder ich kann einen Umweg oder eine Sackgasse betreten. Vielleicht entpuppt sich der Weg auch als gerade nicht passierbar.
Achtsamkeit ist ein Weisheitsweg, weil wir uns darin üben eine weise Entscheidung zu treffen, wann immer wir durch das Wahrnehmen, was ist, an eine Wegkreuzung des inneren Erlebens kommen.
Weise Entscheidungen, die wir auf dem Weg der Achtsamkeit kennenlernen, sind beispielsweise inne zu halten statt automatisch zu reagieren, konzentriert in der Gegenwart zu bleiben, statt gedanklich in Vergangenheit oder Zukunft abzudriften, nicht auf unserem (spontanen) Urteil zu beharren, sondern einen Schritt von unsere spontanen Reaktion zurück zu treten, uns nicht völlig mit Gedanken und Gefühlen zu identifizieren, sondern sie mit innerem Abstand da sein zu lassen.

Ein Übungsweg

Es ist erleichternd zu wissen, dass im Leben wie auf einer Wanderung, Entscheidungen uns in der Regel nicht für alle Ewigkeit festlegen. Wir können über Umwege doch wieder an unser Ziel gelangen, wenn wir einmal falsch abgebogen sind. Selten fehlt die Möglichkeit umzukehren und einen Weg zurückzugehen, wenn sich eine frühere Entscheidung als Sackgasse erweist.
Achtsamkeit ist ein Übungsweg: Wir dürfen Fehler machen und können immer wieder üben Entscheidungen weise zu treffen. Weil ich Mensch bin, entscheide ich mich manchmal unweise. Und dafür gibt es gute Gründe: Sei es die fehlende Zeit oder die fehlende (Lebens-)Erfahrung. Sei es die Angst zu kurz zu kommen oder die Angst vor drohendem Leid. In der Achtsamkeitspraxis nehme ich mir die Freiheit immer wieder, von Moment zu Moment, vorne zu beginnen und so übe ich Entscheidungen weise zu treffen. Ich habe nur jetzigen Augenblick und das Schöne ist, dass ich jedem Moment neu anfangen darf.

Ein Weg des Mitgefühls

Wenn ich auf dem Weg falsch abgebogen bin oder mich unverschuldet in einen schwierigen Wegabschnitt wiederfinde, kann ich mit mir selbst und dem Schicksal hadern, muss das aber nicht. Weise ist es Mitgefühl mit mir zu üben, wenn es mir nicht gut geht, erst recht, wenn ich selbst eine Mitschuld an meine misslichen Lage trage. Der Wunsch mich inmitten des Leids anzunehmen zu können mit meinem Versagen und mit den widrigen Umständen, macht es mir ein kleines Bisschen leichter und verzichtet auf das Leid, das wir uns so oft selbst zufügen, weil wir nicht mit uns zufrieden sind.
Achtsames Wahrnehmen, wie es mir geht und wie mein Körper und mein Geist auf schwierige Erfahrungen reagieren, kann helfen, den Raum für einen freundlicheren Umgang mit mir selbst zu öffnen. Hilfreich ist an dieser Stelle des Wegs die Einsicht, dass Selbstvorwürfe nichts anderes eine selbst verursachte Verstärkung des Leidens: Ich würde dem erlittenen Leid, dem bereits geschehenen Fehler weiteres Leid hinzufügen. Darauf darf ich verzichten. Statt Vergangenheitsbewältigung zu betreiben oder mich in Zukunftsphantasien zu verlieren, richte ich meinen Sinn auf die Gegenwart: Der Wunsch an mich selbst, dass ich mich und die unveränderliche Situation annehmen zu können, macht die Situation schon ein kleines Bisschen leichter. Das ist Selbstmitgefühl.
Wer den anderen als gleichartiges Wesen sehen kann, das genau wie ich, frei von Leid und glücklich sein möchte, der hat die Chance diese Wahrheit anzuerkennen, was nichts anders ist als Mitgefühl mit dem anderen zu empfinden. Das gelingt nicht von heute auf morgen Menschen gegenüber, die uns gegenüber feindlich gesinnt sind, aber vielleicht kann ich doch eines Tages spüren, wie selbstzerstörerisch der Egoismus und die Aggression meines Gegenübers für diesen selbst sind.

Das Ziel des Weges ist es ganz Mensch zu sein

Es geht in der Achtsamkeitspraxis nicht um Leistung, nicht um ein Punktesystem, um ein Messen der Meditationszeit oder der Frage wie lange war ich auf meinen Atem konzentriert und wie lange nicht. Es geht auch nicht darum, ob ich heute im Alltag achtsam war oder „kein guter Schüler der Achtsamkeit war“.
Aus meiner Sicht geht es bei der Achtsamkeit auch nicht darum, über mich selbst hinauszuwachsen oder erleuchtet zu werden. Es scheint mir unrealistisch zu hoffen, dass ich irgendwann in der Zukunft so weit sein werde, nie mehr Fehler zu machen. Es ist mir zu anstrengend nach Perfektion zu streben. Dafür sind wir Menschen nicht geschaffen. Es geht nicht darum ein besserer Mensch zu werden.
Im Gegensatz zum Streben nach Perfektion geht es in jedem Moment darum wahrhaft Mensch zu sein. Menschen sind unvollkommen. Sie bleiben es ihr Leben lang. Menschen brauchen Vergebung, immer wieder einen Neuanfang. Ich fange bei mir an, mich nicht selbst zu verurteilen für Fehler, die ich gemacht habe, und dehne das auf andere Menschen aus, die sich genau wie ich nach Mitgefühl und Barmherzigkeit sehnen.
Es geht darum im Jetzt zu sein, es geht um das Wahrnehmen, was ist, darum es anzunehmen und mich und meine vielen Meinungen nicht so wichtig zu nehmen. Und es geht darum den anderen nicht aus dem Blick zu verlieren. Man könnte auch sagen Achtsamkeit ist ein Weg der Demut, ein in Demut einfach nur und ganz Mensch zu sein.

Von Alexander Nagel, Oktober 2017