Wider die Übertreibungen des Achtsamkeits-Hypes

Trycicle.org hat 2014 über ein aufschlussreiches Interview mit der Neurowissenschaftlerin Catherine Kerr berichtet, das einige Übertreibungen des aktuellen Achtsamkeits-Hypes zurechtrückt. Eine deutsche Übersetzung des Interviews findet sich auf ethik-heute.org.

Frau Kerr, die 2016 leider bereits im Alter von 52 Jahren verstorben ist, wie auf legacy.com zu lesen ist, erforschte die Wirkung von Achtsamkeit am Miriam Hospital in Providence.
Sie selbst profitierte von Achtsamkeitsübungen im langen Kampf gegen ein Krebsleiden, dessen Folgen sie erlag.

Hier einige der aus meiner Sicht wichtigsten Aussagen aus dem Interview mit Frau Kerr.

  • Es werden oft nur die positiven Ergebnisse von Forschungen veröffentlicht und diese werden teilweise übertrieben oder nicht objektiv genug dargestellt. Bei den Forschungen zur Wirksamkeit von Achtsamkeit steht man nach wie vor immer noch ziemlich am Anfang.
  • Achtsamkeitsübungen sind eben nicht für jeden Menschen uneingeschränkt empfehlenswert und wirksam. Trotzdem gibt es Hinweise auf die Wirksamkeit von Achtsamkeitstrainings. Frau Kerr wird zitiert mit den Worten: „Ich denke man kann fairerweise sagen, dass es einige Hinweise aus der Gehirnforschung gibt, dass Meditation dabei helfen kann, Gehirnfunktion zu erhöhen.“
  • Achtsamkeit wirkt ähnlich gut wie andere Therapieformen, aber nicht um Größenordnungen besser als sie.
    Ein Teil der Wirkung z.B. eines MBSR-Kurses kann dem Placebo-Effekt zugeschrieben werden, der sich auf die Hoffnung der Teilnehmer gründet, dass sich durch ihre Teilnahme ihr Leben verbessert. (Dies ist bei anderen Therapieformen übrigens ähnlich.)
  • Achtsamkeitsübungen dienen nicht der Beseitigung von Krankheit und Schmerz, sondern dem Ziel einen bewussteren und besseren Umgang mit Unvermeidlichem zu lernen, was das subjektiv erlebte Leiden an diesen Ursachen verringern kann.
  • Kerr warnt davor bewährte Behandlungsmethoden von schweren Erkrankungen für einen überzogenen Glauben an Achtsamkeit aufzugeben.

Abschließend möchte ich mich der Empfehlung von Catherine Kerr im genannten Interview anschließen, Achtsamkeitsübungen selbst auszuprobieren um zu spüren, wie es sich anfühlt sie zu praktizieren und wie sich das Erleben des Alltags dadurch verändert.

Alexander Nagel, Oktober 2017